11 Regeln für ein unglückliches Leben

Ok, liebe Leserinnen und Leser, jetzt betreten wir den Bereich „Lebenshilfe“. Aber da müssen Sie jetzt stark sein.

 

Im Web kursieren die angeblich von Bill Gates aufgestellten „11 Regeln, die Kinder nie in der Schule gelernt haben und nie lernen werden“. „Angeblich“ deshalb, weil Bill Gates diese Regeln niemals formuliert hat, sondern ein Mann namens Charles Sykes.

 

Wie dem auch sei: Da auch ich das Ganze immer wieder in die Timeline gespült bekomme, und die Begeisterung vieler ungebrochen scheint, hier nun meine kommentierte Version, da ich beim Lesen leider Zustände bekomme.

Regel Nummer 1

Das Leben ist nicht fair – gewöhne Dich daran!

 

Ich behaupte: Du bist, was Du sagst. Man muss sich nur oft genug einreden, das Leben sei unfair, und schon glaubt man es! In der Tat ist das Leben sehr vielseitig: Unterschiedliche Menschen erleben unterschiedliche Dinge. Manch einer wird von einem Schicksalsschlag nach dem anderen heimgesucht, während der nächste eine durchgehende Glückssträhne zu haben scheint.

 

Das Leben ist wirklich nicht fair. Es ist aber auch nicht unfair. Das Leben ist. Nicht mehr, nicht weniger. Fairness ist eine rein menschliche Kategorie, die im Leben, in der Natur nicht vorkommt. Dessen sollten wir uns bewusst sein.


Wenn ich mir aber schon einen Glaubenssatz verinnerlichen will, dann wähle ich die positive Formulierung. Jetzt ist es raus: Ich fühle mich lieber gut als schlecht. Ich hoffe, das sei mir verziehen.

 

Regel Nummer 2

Die Welt wird sich nicht für Dein Selbstwertgefühl interessieren. Die Welt wird erwarten, dass Du etwas erreichst, bevor Du von Dir selbst überzeugt bist.

 

Richtig, die Welt hat nichts mit Deinem Selbstwertgefühl zu tun. Daher heißt es Selbstwert. Dieser entsteht aus einem selbst. Und dass  „die Welt“ erwartet, man „müsse“ etwas erreichen, bevor man von sich selbst überzeugt ist, zweifele ich an. Selbstwert ist vielleicht sogar das genaue Gegenteil: Man ist (sich) etwas wert, völlig unabhängig von erbrachter Leistung. Das gelingt natürlich in einer Leistungsgesellschaft nur sehr schwer.

 

„Die Welt“ sind außerdem sehr viele Menschen. Sicherlich sind zahlreiche darunter, die diese negative Sichtweise teilen. Es werden eben jene sein, denen man als Kind dasselbe Gefühl vermittelt hat: Nur wer etwas leistet, hat sich Anerkennung verdient. Kleiner Hinweis: Man kann es auch genau andersherum sehen. Nur verlangt diese Sichtweise viel Geduld und Bewusstsein für andere und sich selbst.

 

Regel Nummer 3

Du wirst nicht direkt nach der Schule 40.000 Dollar im Jahr verdienen. Du wirst nicht Abteilungsleiter mit eigenem Autotelefon ehe Du Dir beides verdient hast.

 

Stimmt. Ist das tragisch? Nein. Vielleicht werden manche Menschen nicht einmal in 20 Jahren 40.000 Dollar jährlich verdienen. Und sie überleben dennoch. (Hier merkt man, aus welchem Anspruchsdenken heraus diese Regeln geschrieben sind. Dem Ganzen liegt eine durch und durch anglo-amerikanisch-protestantische Arbeitsethik zugrunde.) Zu dem Autotelefon sei gesagt: Diese Regeln wurden erstmals Mitte der Neunzigerjahre veröffentlicht, als ein Autotelefon noch Hightech war.

 

Regel Nummer 4

Wenn Du meinst, Dein Lehrer sei hart, warte bis Du einen Chef hast.

 

Noch einmal: Wenn man sich das Ganze nur lange genug einredet, hat man vielleicht das „Glück“ und es wird wahr. Immer schön davon ausgehen, dass es bestimmt noch schlechter geht, dann klappt es auch!

 

Regel Nummer 5

Hamburger braten ist nicht unter Deiner Würde. Deine Großeltern hatten ein anderes Wort für Hamburger braten: Sie nannten es Chance.

 

Oh là là: Hier wird es doch wohl keinen Anflug von Positivität geben? Ach nein: Der Hauptaspekt liegt ja im Herabwürdigen des Lesers. Puh, noch einmal Glück gehabt.

 

Regel Nummer 6

Wenn Du es vermasselst, ist es nicht die Schuld Deiner Eltern. Also jammere nicht über Deine Fehler, sondern lerne aus ihnen.

 

Richtig: Übernimm die Verantwortung und suche die Schuld nicht bei anderen. Alles andere nimmt Dir die Selbstbestimmung. Regel Nummer 6 kann ich voll und ganz zustimmen. Doch leider geht es ja weiter mit ...

 

Regel Nummer 7

Bevor Du auf die Welt kamst, waren Deine Eltern nicht so langweilig wie heute. Sie wurden so, weil sie Deine Rechnungen bezahlt, Deine Wäsche gewaschen, und sich Dein Gerede darüber angehört haben, wie cool Du Deiner Meinung nach bist. Bevor Du also den Regenwald von den Parasiten Deiner Eltern-Generation befreist, entlause erstmal den Schrank in Deinem eigenen Zimmer.

 

Nicht jedermanns Eltern sind langweilig. Herr Sykes hat seine anscheinend so empfunden. Anders kann ich mir diesen Gedanken nicht erklären. Ist ja auch sein gutes Recht. Jetzt kommt es aber: Eltern werden langweilig, weil Sie Rechnungen bezahlen, Wäsche waschen und sich „Gerede“ anhören?! Vom Bezahlen von Rechnungen werde ich schlimmstenfalls arm – aber nicht langweilig.

 

Wie dem auch sei, in Regel Nummer 7 zeigt sich Herrn Sykes geballtes Misstrauen (Angst?, Hass?) der Jugend gegenüber. Er unterstellt mit einer unvergleichlichen Dreistigkeit jedem Jugendlichen, dass er a) seine Eltern „langweilig“ findet, b) selbst daran Schuld sei, dass die Eltern so erscheinen und c) sich für unangemessen cool hält. Vorurteile. Wir wissen ja alle, wie hilfreich diese für ein friedliches und konstruktives Zusammenleben sein können ...

 

Regel Nummer 8

Deine Schule mag Gewinner und Verlierer abgeschafft haben, aber das Leben hat das nicht getan. In manchen Schulen haben sie das Sitzenbleiben abgeschafft und sie geben Dir so viele Anläufe, wie Du möchtest, um die richtige Antwort zu geben. Das hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit irgendetwas im wahren Leben.

 

Ihr Leben, Herr Sykes, hat das offensichtlich nicht getan. Warum sollte es auch, sind Sie doch so fixiert darauf, dass man sich alles hart erarbeiten muss. Und was bitte heißt „das wahre Leben“? Achso, natürlich: das harte, das unerbärmliche, das Leben, das ein einziger Kampf ist. Natürlich. Ihr Leben, Herr Sykes.

 

Regel Nummer 9

Das Leben ist nicht in Semester unterteilt. Du wirst nicht den ganzen Sommer frei haben und kaum ein Arbeitgeber ist daran interessiert, Dir bei Deiner Selbstfindung zu helfen. Mach das in Deiner Freizeit.

 

Richtig, diese Unterteilung konnte auch ich bislang nicht feststellen. An die schönen Zeiten, in denen ich den ganzen Sommer frei hatte, denke ich persönlich gerne zurück. Ich hoffe, dass ich damit in Herrn Sykes’ Augen nicht mein Recht zu leben verwirkt habe.

 

Und wieder: Es heißt Selbstfindung, weil man sich selbst findet. Dass einem da kein Arbeitgeber behilflich sein wird, kann und soll, versteht sich von, äh, selbst.

 

Regel Nummer 10

Fernsehen ist nicht das wahre Leben. Im wahren Leben müssen Leute tatsächlich das Café verlassen und zur Arbeit gehen.

 

Überraschung! Ich stimme zu.

 

Regel Nummer 11

Sei nett zu Sonderlingen. Es ist gut möglich, dass Du einmal für einen arbeitest.

 

Nein, Herr Sykes: Sei nett zu Sonderlingen. PUNKT!

Dass sich diese Regeln, die von Vorurteilen und Negativität nur so strotzen, einer so großen Beliebtheit erfreuen, ist mehr als erschreckend. Offenbar werden diese Beiträge immer und immer wieder geteilt, ohne sie einmal ernsthaft zu hinterfragen. Nicht einmal die Quellenangabe stimmt in den meisten Fällen, da es, wie eingangs erwähnt, nicht Bill Gates war, der diese Regeln aufstellte.

 

Das Ganze spiegelt die Einstellung der Eltern-Generation dar: „Wir sind jetzt so alt, wir haben so viele Entbehrungen verkraftet, jetzt sind die Jungen dran, ihren Beitrag zu leisten. Doch die sind nur faul, besserwisserisch und weinerlich.“

 

Letztendlich lassen sich alle diese Regeln in einem sehr kurzen (und ebenso traurigen) Satz zusammenfassen: Das Leben ist schwer!

 

Man sollte nie vergessen: Das alles ist und bleibt nur eine Meinung.

 

Erschreckend an dem Ganzen ist, dass offensichtlich so viele Menschen so verbittert sind. Denn warum sonst entsteht beim Lesen dieser „Lebens-Tipps“ dieses „JA GENAU!-Gefühl“.

 

Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, andere Meinungen zu akzeptieren. Doch in diesen Regeln schwingt so viel Missgunst, Hass und Ablehnung jungen Menschen gegenüber mit, dass mich die Tatsache, dass das unbeleuchtet weiterverbreitet wird, erschrickt. Nachher heißt es dann: „Es ist ja nur zum Besten der Jugend“ und „Das hat uns auch nicht geschadet“.

 

Die größte Schwäche an den Regeln ist aber Folgende: Die Jugend wird zu mehr Disziplin aufgerufen und dazu, die Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig schieben aber alle Regeln die Verantwortung von sich weg: Die Jugend ist Schuld (bspw. dass die Eltern langweilig sind, haha)!, Die (zu lockeren) Schulen sind Schuld (dass die Kinder sich selbst finden wollen)! Usw. usf.

 

Man müsste lachen, wenn es nicht so traurig wäre.


Mein Name ist Christian Krauß. Ich bin Texter, Lektor und Kommunikationsliebhaber. Ich unterstütze vorwiegend kleinere Unternehmen bei Ihrer Kommunikation mit dem Kunden. Ganz gleich, ob professionelle Webseiten, überzeugende Texte oder ansprechend gestaltete Werbemittel: Gute Werbung ist kein Privileg großer Betriebe. Wenn man sie entsprechend gestaltet, ist gute Kommunikation einfach, überzeugend und bezahlbar. Und, ja, sie macht sogar Spaß!



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