Kommunikation und Emotion, Teil 2

Im ersten Teil habe ich kurz beleuchtet, warum es schwierig ist, Kommunikation und Emotion textlich zu transportieren und dass ein Texter als Art Mediator fungiert. In diesem Teil geht es konkreter um das Verhältnis von Kommunikation und Emotion in der Sprache. Jetzt widmen wir uns nicht mehr nur persönlichen, sondern kulturell gültigen Dimensionen des Fühlens.

Welche Emotionen verbinden wir mit welchen Wörtern?

Bereits Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts untersuchte der Psychologe Charles E. Osgood, welche Emotionen Menschen mit bestimmten Wörtern verbinden oder anders ausgedrückt (und daher für uns interessant), welche Gefühle gewisse Wörter auslösen.

 

Das Verfahren hierzu nennt sich semantisches Differenzial. Versuchspersonen bekommen Wörter vorgelegt, bspw. „Mutter“ oder „Gefängnis“, die sie anhand von Eigenschaftspaaren (groß vs. klein, mächtig vs. machtlos usw.) bewerten müssen. Daraus ergeben sich dann Profile.

 

Die Besonderheit: Osgood untersuchte über 20 Sprachen und konnte im Nachhinein drei universelle, d.h. über Kulturen hinweg stabile, „Gefühlsdimensionen“ identifizieren.

Emotionale Dimensionen

Die drei Faktoren, die die affektive Konnotation von Wörtern beschreiben sind:

 

1. Valenzdimension

Sie beschreibt, ob ein Wort eher angenehme oder unangenehme Gefühle auslöst. Das Wort „Mutter“ bspw. wird als angenehm, „Gefängnis“ hingegen als unangenehm empfunden.

 

2. Potenzdimension

Sie besteht auch Macht, Stärke oder Dominanz auf der einen und Ohnmacht, Schwäche und Beherrschbarkeit auf der anderen Seite. „Richter“ ist ein Wort, das Macht und Dominanz erzeugt, während „Zeitungsjunge“ als beherrschbar eingestuft wird.

 

3. Erregungsdimension

Dieser auch als „Aktiviertheit“ bekannte Faktor sagt voraus, ob ein Wort als voller Energie oder als sehr entspannt und unaktiviert empfunden wird. „Schizophrener“ wird als sehr aktiv, „Professor“ als beruhigend empfunden.

Was sagt uns das?

Für die Wortwahl in einem Text ergeben sich so verschiedene Herangehensweisen, je nachdem, was das Ziel ist. Recht umfangreiche Wortlisten mit affektiven Wortbedeutungen finden sich auf der Seite von Tobias Schröder von der Humboldt-Universität zu Berlin, die er im Projekt Magellan ermittelte:

 

Valenz

Wörter, die angenehme Gefühle auslösen

Wörter, die unangenehme Gefühle auslösen 

 

Potenz

Wörter, die Gefühle von Macht auslösen

Wörter, die Gefühle von Schwäche auslösen 

 

Erregung

Wörter, die lebhafte Gefühle auslösen

Wörter, die Gefühle von Ruhe auslösen

Mithilfe dieser Listen lassen sich Texte neu bewerten (und verfassen), je nachdem welche Gefühle man beim Leser erwecken will.


Selbstverständlich gehört zur „Beeinflussung“ eines Lesers mehr als nur die Wortwahl. Diese kann jedoch einen entscheidenden Anteil an der Gesamtwirkung eines Textes haben.

 

Noch größer sind die Konsequenzen für die interkulturelle Kommunikation. Hier unterscheiden sich die Bewertungen von Wörtern anhand der drei Dimensionen zum Teil erheblich.

 

Tobias Schröder verdeutlicht das am Beispiel „Manager“. Während das Wort im Deutschen eine Valenz von –1,2 aufwies, also als unangenehm eingestuft wurde, erhielt das Wort im amerikanischen Englisch 0,9. D.h. dort löste das Wort durchweg angenehme Gefühle aus. Gepaart sind diese Werte in beiden Kulturen mit einem starken Gefühl von Macht. Das hat Konsequenzen.

 

Schröder dazu:

US-amerikanische Manager werden in Deutschland oft als unsensibel und rücksichtslos wahrgenommen. Das kann man mit unseren Daten erklären: Der amerikanische Manager wird als Autorität positiv wahrgenommen, daher „verzeiht“ man ihm seine mächtigen Handlungen (z.B. Anweisungen erteilen) leichter. Wenn er sich also nach den Maßstäben seiner Kultur völlig angemessen verhält, erscheint er gleichzeitig seinen deutschen Kollegen oder Geschäftspartnern, die autoritäres Verhalten negativ finden, rücksichtslos.

Die Erkenntnis ist genau genommen eine alte: Achten Sie auf Ihre Wortwahl.


Jedoch geben die drei universalen Dimensionen eine schöne Bewertungsgrundlage, mit deren Hilfe sich Texte hinsichtlich ihrer emotionalen Wirkung weiter optimieren lassen.

 

Gerade die unterschiedliche Beurteilung über Kulturen hinweg verdeutlicht, dass das, was man sagen will, im schlimmsten Fall die gegenteilige Wirkung beim Gegenüber hat und dass man umso mehr Wert auf eine durchdachte Kommunikation legen sollte.


Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Achten Sie bewusst auf Ihre Wortwahl und nutzen emotionale Wörter? Lassen Sie es mich in den Kommentaren wissen.

Hier finden Sie den ersten Teil von Kommunikation und Emotion.


Autor: Christian Krauß