Wörter unter der Lupe: #1: Entschlackung

 

Fasching ist (endlich!, mag der ein oder andere denken) vorbei und nicht wenige, die es in den vergangenen Tagen so richtig krachen ließen, werden ihren Körpern eine Pause gönnen. Nach meist heftigem Alkoholkonsum und tagelangem Feiern ist es nun endlich Zeit für, ähem, „Entschlackung“. Dieses Wort ist mittlerweile so im allgemeinen Sprachgebrauch verankert, dass niemand mehr die Bedeutung hinterfragt. Nur so viel: Mir schlackern die Ohren, wenn ich es höre, aber damit hat es nichts zu tun.

Schauen wir uns das Wort doch einfach mal an: Die Vorsilbe ent- besagt bei Substantiven, dass etwas entfernt wird. In diesem Fall Schlacke. Klar, oder? Oder etwa nicht?

 

Das Wort „Schlacke“, so das etymologische Wörterbuch von Kluge, entstand im 14. Jahrhundert und bezeichnete einst einen „beim Schmieden abspringende[n] Metallrest“ und „Reste beim Verbrennen von Kohle und beim Gießen von Metall“. Letztere Bedeutung hat es bis heute behalten. Es handelt sich also um unnütze Überbleibsel, um wertlosen Ballast. Schlacke! Wie das schon klingt. Bäh!

 

Als im 19. Jahrhundert eine Analogie zwischen den Kanalsystemen der Großstädte und dem menschlichen Körper gezogen wurde, entstand die Idee, dass sich auch im Körper Giftstoffe ablagerten, die abtransportiert werden müssten. Der Arzt Otto von Buchinger übertrug dann später erstmals den Begriff der „Entschlackung“, also der Reinigung von Hochöfen, auf den menschlichen Körper. Bis heute erfreut sich das Wort größter Beliebtheit.

 

Von Fastenkuren und Darmspülungen über Bäder bis hin zu exotischen Teesorten – alle haben Sie ein Ziel: Die Entschlackung! Man fühle sich nicht nur besser, nein, so steht es tatsächlich oft geschrieben, sie bewirkten „wahre Wunder“. Auch von einer Entgiftung von Körper und Seele [sic!] ist die Rede. Unweigerlich kommt mir das Bild eines umherreisenden Händlers vors geistige Auge, der Wundertinkturen und Jugendelixiere feilbietet.

 

Gut, auch Alternativmediziner behaupten nicht, dass es im Körper tatsächlich (echte) Schlacken gibt. Aber, so der Mythos, es lagern sich mit der Zeit Giftstoffe ab, die insbesondere durch Fastenkuren, Darmspülungen etc. „ausgeschwemmt“ werden könnten. Doch es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege dafür. Alle regulären Abbauprodukte transportiert jeder gesunde Körper selbst ab. Jetzt lehne ich mich weit aus dem Fenster und sage: Sollte sich im Körper tatsächlich giftiges Material, wie Schwermetalle befinden, helfen auch drei Tage Rohkost und fünf Liter Tee aus Süßholzwurzel, umgerührt mit einem Lapislazuli-Löffel nichts. Dass gesunde Ernährung an sich sinnvoll ist, soll damit nicht in Frage gestellt werden. Putzig ist nur der Trend zu überteuerten und darüber hinaus stressigen Entschlackungs-Kuren. Und danach? Machen wir weiter wie zuvor!

 

Und nebenbei: Auch wenn man statt „Entschlackung“ den neudeutschen Begriff „Detox“ verwendet, ändert das an der mangelnden Sinnhaftigkeit des dahinter stehenden Systems nichts. Schlank werden kann man mit Detox natürlich schon, zumindest im Bereich der Geldbörse.

 

Und da nicht nur der Begriff „Entschlackung“, um den es hier geht, unpassend und irreführend, sondern das ganze Prozedere fragwürdig ist, schließe ich mit den Worten von Nicole Heißmann, die es im Stern auf den Punkt gebracht hat:

Unterm Strich erscheint "Detox" als hübscher Mythos, herumgestrickt um einen wahren Kern: Wer eine Weile statt Pommes und Süßem lieber Obst und Vollkorn isst, erspart seinem Stoffwechsel viel Fett und Zucker. Zudem verwöhnt er ihn dafür mit Vitaminen und anderen Nährstoffen. Dass eine teure Kur vergangene Ernährungssünden ungeschehen machen könnte, erinnert jedoch eher an eine erfolgreiche Erfindung aus dem Mittelalter: den Ablasshandel.
Nicole Heißmann, Stern online

Autor: Christian Krauß


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